Von Julia Veil, 22. Februar 2016

Ist bestimmt nur eine Huflederhautentzündung!

Über dieses Thema bin ich kürzlich mit meinem eigenen Pferd gestolpert.

ReheT-Bone mochte nicht mehr aufstehen. Die Tierärztin diagnostizierte Hufrehe auf allen vier Hufen.
Der Schock war groß: Von was bitte soll ein Zweijähriger, der im Winter außer Heu und ein paar Krümeln Mineralfutter keine Nahrung kennt, eine Rehe bekommen?

In der Klinik wurde die Diagnose verfeinert: Belastungsrehe aufgrund zu kurz gelaufener Hufe auf zu hartem Paddockboden in Verbindung mit einer Fehlstellung.

Seit dem hörte ich gleich von mehreren Leuten: „Das ist bestimmt nur eine Lederhautentzündung, das hatte meiner schon ganz oft im Winter!

Auch Tierärztin Nummer drei, die sich um die Nachsorge kümmerte und mich bezüglich Beschlag beraten hat sprach davon, dass immer viel zu schnell gleich eine Rehe diagnostiziert würde und es sich meist nur um eine Huflederhautentzündung handeln würde.
Meine Verwirrung stieg ins unermessliche. Ich habe mich in der Vergangenheit ausgiebig mit diesen Themen befasst und war der Überzeugung, als Therapeutin gut Bescheid zu wissen.
Aber mit der Abgrenzung- ab wann man von Belastungsrehe und wann von einer Lederhautentzündung spricht hatte ich mich bisher kaum beschäftigt. Ich war nicht einmal auf die Idee gekommen, dass hier eine Verwechslungsgefahr bestehen könnte. Mir wurde klar, dass ich mich doch noch einmal genauer damit befassen musste und möchte das Ergebnis meiner Recherchen im Folgenden gerne teilen.

Belastungsrehe:

Der Hufbeinträger ist die Verbindung des Hufbeins mit den Innen- und Seitenflächen des Hornschuhs. Unterhalb des Wandhornes liegt eine Blättchenschicht, die wir Reiter als „weiße Linie“ kennen.
Die Huflederhaut hat auf ihrer Oberfläche ebenfalls Hornplättchen, die wie ein Klettverschluss in die Hornplättchen der weißen Linie passen. Durch diesen Mechanismus wird die Oberfläche des Halteapparates fast vertausendfacht. Die Verbindung ist extrem fest und hält enorme Belastungsspitzen aus. Eine Ablösung dieser Haltevorrichtung kann beim lebenden Tier ausschließlich im Rahmen einer Hufrehe passieren. Bei einer Belastungsrehe sieht das folgendermaßen aus:

AufhängeapparatDurch eine Überbelastung die auf diesen Aufhängeapparat einwirkt kommt es zu Gewebeschädigungen. Eine solche Überbelastung kann z.B. durch eine zu schräge Hufwand entstehen: Die Zugkräfte, die auf den Trageapparat einwirken werden dadurch nämlich stark erhöht, die Zehe wirkt wie ein Hebel, der das Hufbein von der Hufwand abhebelt. Der Trageapparat wird also permanent überbelastet, wodurch zunächst Gewebe geschädigt wird. Andere Ursachen können auch langes Laufen auf hartem Boden, oder langes Stehen in der Box sein. Durch das lange Stehen kommt es zu Durchblutungsstörungen, wodurch ebenfalls Gewebeschädigungen am Hufbeinträger entstehen können.

Durch die Gewebeschädigung kommt es zu einem gestörten Zellstoffwechsel. Daraus entwickelt sich eine Entzündung, durch die wiederum toxische Stoffwechselprodukte zu noch größerer Gewebeschädigung führen. Ein Teufelskreis setzt sich in Gang.

Belastungsrehe versus Huflederhautentzündung

Es gibt offensichtlich unterschiedliche Ansichten unter Tierärzten und Therapeuten was die Diagnose Belastungsrehe angeht. Auf Basis der mir vorliegenden Fachliteratur sortiere ich dies nun wie folgt auseinander:

Hufrehe ist grundsätzlich eine Huflederhautentzündung. Der gesamte Huf ist mit Lederhaut ausgekleidet. Es wird je nach Lokalisation unterschieden:

  • Saumlederhaut
  • Kronlederhaut
  • Wandlederhaut (Trageapparat !!!)
  • Sohlenlederhaut
  • Strahllederhaut
  • Ballenlederhaut

Bei einer Rehe ist die Entzündung nicht punktuell begrenzt sondern betrifft umfassend den Halteapparat und führt somit zu einem schwerwiegendem Krankheitsverlauf. Entgegen vieler Behauptungen die ich gehört habe, spricht man allerdings nicht erst dann von Rehe, wenn schon Folgeschäden wie Hufbeinabsenkung oder -rotation vorliegen.  Das wäre dann nämlich schon als chronische Rehe zu bezeichnen.
Man spricht generell von Rehe, wenn die Wandlederhaut so schwerwiegend entzündet ist, dass die Gefahr dieser Spätfolgen besteht. Dann liegt wirklich eine Nofallsituation vor- denn schafft man es nicht, die Entzündung innerhalb von 48 Stunden in den Griff zu bekommen, wird sie chronisch mit allen lebensbedrohlichen Folgen. Das Pferd braucht so schnell wie möglich tierärztliche Betreuung. Hier ist definitiv keine Zeit für „erstmal mit alternativen Methoden probieren!“

Die Huflederhautentzündung betrifft hingegen lediglich die Sohlenlederhaut, die auf eine Quetschung, z.B. durch eintreten eines Steines oder ein anderes Trauma mit einer Entzündung reagiert. Der Halteapparat ist zunächst nicht gefährdet. Allerdings ist auch eine Huflederhautentzündung eine schwerwiegende Erkrankung.  Die Abgrenzung zur Rehe kann nur ein Tierarzt vornehmen. Selbst dann ist Vorsicht geboten. Im Zweifel würde ich doch dazu raten im Nachgang Schäden am Hufbeinträger röntgenologisch abklären zu lassen. Gerade bei denjenigen Patienten, die bereits mehrfach im Winter in einem Ausmaß, dass sie kaum noch laufen konnten unter Huflederhautentzündungen gelitten haben.

Physiotherapeutische Unterstützung

Bei einer Rehe entscheiden die ersten 48 Stunden, ob es zu Folgeschäden kommt oder nicht. Es gilt, die Entzündung so schnell wie möglich in den Griff zu bekommen.

Der Verlauf kann mit physiotherapeutischen Maßnahmen drastisch verbessert werden. Hierbei würde ich mit allem schießen, was zur Verfügung steht.
Es versteht sich von selbst, dass dies zusätzlich zu den tierärztlichen Maßnahmen wie Entzündungshemmer, Hochstellen der Trachten, etc. erfolgen muss.

1.) Manuelle Lymphdrainage
Bei T-Bone führte ich direkt nach der Diagnose die erste Lymphdrainage durch und wiederholte dies fünf Tage lang täglich. Die Entzündung war bereits nach drei Tagen abgeklungen.
Mehr über die Methode allgemein hier und speziell in meinem Blog Artikel „Manuelle Lymphdrainage bei Sehnenproblemen

2.) Elektromagnetfeldtherapie
Das Elektromagnetfeld verbessert den Zellstoffwechsel. Da eine Rehe grundsätzlich Folge eines gestörten Zellstoffwechsels ist, unterstützt die Therapie optimal. Es wird berichtet, dass die Beschwerden häufig schon während der ersten Anwendung Linderung finden. Mehr über die Methode hier

3.) Blutegeltherapie
Die kleinen Helfer sind bei Hufrehe hochwirksam. Allerdings ist es eine Frage der Machbarkeit, denn sie vertragen sich nicht unbedingt mit den Entzündungshemmern und Schmerzmitteln. Ich bin kein Freund davon, die medikamentöse Behandlung zu verzögern, um zuerst Blutegel auszuprobieren. Hinzu kommt, dass die wuseligen Freunde eine Lieferzeit von mindestens zwölf Stunden haben und am Wochenende gar nicht erhältlich sind. Aus diesen Gründen habe ich bei T-Bone auf den Einsatz von Egeln verzichtet. Nicht zuletzt, weil er sehr stark positiv auf die Lymphdrainage reagiert hat und gleich alle vier Hufe betroffen waren.
Es war in diesem Fall also einfach eine Frage der Machbarkeit. Bei einer schweren systemischen Rehe würde ich mit dem behandelnden Tierarzt den schnellstmöglichen Einsatz von Blutegeln besprechen.
Mehr über die Methode hier


Quellen: Konstanze Rasch „Diagnose Hufrehe“, König/ Liebig „Anatomie der Haussäugetiere“, enpevet.de, Dirk Berens v. Rautenfeld/ Christina Fedele „Lymphologie und Manuelle Lymphdrainage beim Pferd, Anke Henne „Blutegeltherapie bei Tieren“